"Wir brauchen eine allumfassende Tempelkunst"

Dass es sich bei der Tempelkunst um eine Idee oder vielmehr eine fixe Idee von Fidus handelte, mit der sich der Künstler schon längere Zeit beschäftigte und der er sein ganzes Schaffen unterordnete, war Wilhelm Spohr durchaus bekannt.

1902 war die prachtvolle Monographie Fidus erschienen, zu der er den Text beigesteuert hatte. Darin war der Tempel der Erde auf einer grossen Falttafel wiedergegeben mit einem Grundriss auf der Rückseite sowie einer ganzseitigen Ansicht des Tempels der Eisernen Krone.

Spohr führt in seinem Werk zum alles umfassenden Anspruch der "Tempelkunst" von Fidus aus:

Wir müssen den Begriff "Tempelkunst" sehr weit fassen, denn auch Schönheit und Freude sind im Kult der Zukunft einbegriffen. Fidus möchte zusammengefasst sehen, was auf den Einzelgebieten errungen. Im Theater hat Wagner lange vorher neue Bahnen gewiesen, und wir harren nur des grossen Stilisten, der uns vielleicht in Peter Behrens entgegenkommt. Selbst die Variété-Kunst schien eine Kunst werden zu wollen, doch hat sie die Bahnen der Schönheit und Freiheit, kaum betreten, wieder verlassen. In der Leibeszucht machen sich kühne Versuche geltend, die griechische Palästra wiedererscheinen zu lassen. Wir brauchen aber eine allumfassende Tempelkunst, in der die ästhetischen und religiösen Triebe eins werden und sich frei ausleben können. Es wird da keine Grenze bestehen in der Wertung von Ernst und Lust, von Andacht und Freude. Wir werden die Schönheit rein geniessen, rein wird sie unter uns wandeln können, und selbst den Tanz werden wir werten und neu anwenden lernen als plastischen Ausdruck unserer Empfindungen, göttlicher und weltlicher, die nicht mehr zweierlei sein werden.

Und er weist ausdrücklich darauf hin:

Ja, wir begegnen in der Sphäre des nicht einwandfreien Variétés schon kühnen Versuchen in solche Richtung: getanzte Offenbarungen gab vor intimem Kreise die nacktfüssige Miss Duncan, und als heilig nahm man sie auf; wie man hört hat diese oder eine andere Dame in München vor einem kleinen Kreise von Künstlern und Künstlerinnen sogar nackt getanzt.

Ob Josua Klein an der Grenzenlosigkeit der Gattungen und Disziplinen, den hehren Zielen Schönheit, Freude und Freiheit und den "ästhetischen und religiösen Trieben" interessiert war? Musik, mit Ausnahme vielleicht von Richard Wagner, der von der Lebensreform um 1900 als Leitfigur verehrt wurde, und Tanz, insbesondere Ausdruckstanz, sowie Spiel, Sport und Freikörperkultur als Verehrung und Versuch der Befreiung des Körpers schenkte er, soweit sich das erschliessen lässt, jedenfalls keine besondere Beachtung.

Somit stellt sich nicht nur die Frage, welchen Zweck die Tempel in Amden gehabt hätten, sondern auch, warum Klein sie angeblich erstellen wollte. Fragen, die sich Spohr rückblickend wohl gar nicht erst stellen mochte.

  1. Wilhelm Spohr, Fidus, J. C. C. Bruns, Minden i. W. 1902. Online
  2. Ebda., Tempel der Erde zwischen S. 108 und 109 (Online), Tempel der Eisernen Krone, S. 109 (Online).
  3. Ebda., S. 103. Online
  4. Ebda.

Letzte Änderung: 26. September 2020.