"Von okkultischem Geiste gestaltet"


Richtfest des ersten Goetheanums am 1. April 1914.

Allerdings muss Albert Giesecke in einer Fussnote eingestehen, dass es durchaus eine "deutsche Tempelgemeinde" gibt, die daran ist, einen Tempel zu bauen, notabene in der Schweiz, wo ursprünlich auch der Tempel der Erde von Fidus hätte errichtet werden sollen. Allerdings entspricht dieser nicht seinen künstlerischen Ansprüchem und ist nicht "schön im deutschen Sinne". Er führt aus:

Es gibt eine deutsche Tempelgemeinde, die schon im Bauen eines Tempels begriffen ist: Die Anthroposophische Gesellschaft unter Führung Dr. Rudolf Steiners baut einen riesigen und prachtvollen Tempel in der Nähe von Basel. Die Gemeinde huldigt jedoch einem fast lebensfeindlichen Mystizismus und gar diesen Tempel scheint nicht von künstlerischem, sondern von okkultischem Geiste gestaltet zu werden, gibt doch der Nichtkünstler Steiner nicht nur alles bis ins einzelne an: nein, er macht auch vieles selbst. Schön im deutschen Sinne wirken jedenfalls die zwei aneinandergeschweißten ungleich großen glatten Halbkugeln nicht.

Warum die zwei Kuppeln gemäss Giesecke, nicht als "schön im deutschen Sinne" wirken würden, bleibt offen. Durch die Betonung der Bauvolumen, der abstrakten Formgebung und ihrer Expressivität sowie den Verzicht auf bedeutungsvollen Bildschmuck ist die Anlage des Goetheanums sehr viel moderner als der Tempel der Erde mit seiner Nähe zu gotischen Kathedralen mit ihren zahlreichen architektonischen Details, überbordenen Bildprogrammen besonders an der Hauptfassade mit impossanten Glasfenstern.

  1. Albert Giesecke, "Fidus' Tempelkunst", in: Die Schönheit, 16. Jahrg., "Fidus-Heft", 1919/20, S. 48. Die Grundsteinlegung für den Johannesbau, der später als Goetheanum bezeichnet wurde, fand am 20. September 1913 statt, eröffnet wurde er am 26. September 1920.

Bild: Wikimedia Commons.