"Steine liessen wir brechen"


Wilhelm Spohr (1868-1959).

Der Schriftsteller Wilhelm Spohr, der mit Frau und Kind im Herbst 1903 zusammen mit Fidus und dessen Frau sowie den beiden Kindern in die Schweiz reiste, versuchte nachträglich, die Geschichte des unglaublichen Unternehmens ins Lot zu rücken. Sein Fassung:

Der Prophet Josua, bürgerlich Klein geheißen, wollte nördlich am Walensee in der Schweiz, oberhalb Weesen, in 1000 Meter Höhe Tempel für seinen Glauben errichten. Fidus wurde als Baumeister berufen, ich mit ihm als vermeintlich praktischer veranlagt, um zunächst Fidus' kolossalen 'Tempel der Erde' zu errichten. Steine ließen wir brechen, Bäume fällen, auf vorspringendem Felsen über dem See wurde ein Plateau geebnet. Alles sehr gut, aber es kam zu nichts, weil der Prophet täglich reden mußte, von morgens früh bis nachmittags zwei Uhr, mit Augen-, Arm- und Beinverrenkungen, prophetischen Verfluchungen der ganzen Welt und Mahnungen an den lieben Gott, der nicht alles richtig machte.

Ob noch Spuren der Arbeiten zu finden sind?

Tempel für Kleins Glauben? Genauer: Die eigenwilligen Tempel von Fidus für Kleins Glauben?

Fidus, der bisher mit Illustrationen für Bücher und Zeitschriften hervorgetreten ist, als Baumeister? Spohr selbst, um die Absurdität des Unterfangens noch zu steigern und gleichzeitig in Frage zu stellen, "vermeintlich praktischer veranlagt"? Entsprechend dem unglaubwürdigen Projekt scheint Spohr in seiner Beschreibung der Vorarbeiten für die Bauten in Amden mehr als nur zu flunkern.

Gerade die Beteiligung Spohrs sorgte damals aber für die Seriosität des Unternehmens. So bemerkten Zeitungen in den Niederlanden:

Was jedoch am meisten überrascht: Der bekannte Multatuli-Übersetzer Wilhelm Spohr ist ebenfalls Mitglied der Kolonie. Die Tatsache, dass ein, auch in Holland für so einen klaren Kopf bekannter, Publizist Mitglied der Kolonie ist, macht es unwahrscheinlich,, dass sie tatsächlich so ist, wie über sie berichtet wird.
  1. Wilhelm Spohr, O ihr Tage von Friedrichshagen! Erinnerungen aus der Werdezeit des deutschen literarischen Realismus, Berlin 1949, S. 83.
  2. Een rare kolonie, De Telegraaf (Amsterdam), 14. November 1903; Een rare kolonie, Bataviaasch nieuwsblad, 19. Dezember 1903.

Bild: Friedsichshagener Schirm.

Letzte Änderung: 26. September 2020.