Intermezzo 2: "Auf dem Luzerner See"

Sechs Jahre vor Franz Evers Gedicht Vierwaldstätter See ist Karl Henckells Gedicht Auf dem Luzerner See in seinem Gedichtband Diorama erschienen.

Auf dem Luzerner See

(Robert, dem armen Teufel, gewidmet.)

Still unter'm Kiele
gluckert die Fluth,
Haupt auf dem Pfühle
mein Robert ruht.
Plätschernd durchschneiden
Ruder den See
Wie grüne Weiden
Die Sensenfee.

Felsen und Matten
Schwellen empor,
Schwimmende Schatten
Wölben ein Thor.
Krönende Kuppen.
Hängende Höh'n,
Wolkenschaluppen
Schwanken und weh'n.

"Glück auf die Reise!
Viel Grüß, viel Grüß!"
Drosselt es leise
Waldsaumsüß.
Rothe Rosen am Busen
Mein Robert träumt,
Markgräfler Musen
Sein Schlummer schäumt.

Die Augen schließ' ich,
Mein Robert, wie du.
Wiegend' genieß ich
Glück voller Ruh’:
Blau wie die Welle
Blicke verführt!
Schnelle Libelle,
Leuchtende Helle
Des Lebens gespürt...

Die Thema Freiheit schwingt auch hier mit, sind die Verse doch Robert Reitzel gewidmet, der seit 1884 in Detroit die anarchistische Wochenzeitung Der arme Teufel herausgab.

  1. Karl Henckell, Diorama, Zürich 1890. Online

Letzte Änderung: 1. September 2020.