Relief für ein Erbbegräbnis

Das Relief für das Erbbegräbnis der Familie Erhardt im Grossen Friedhof (Lielie kapi) in Riga nimmt im Werk von Fidus eine Sonderstellung ein. Zum einen, weil es sich um eine Bildhauerarbeit handelt, die er zudem selbst ausführte: Zwar spielen Plastiken etwa in den Tempelentwürfen von Fidus eine wichtige Rolle, doch sind keine weiteren Werke bekannt, die er eigenhändig ausführte. Zum anderen, weil das Grabmal für einen protestantischen Friedhof bestimmt ist und damit einen religiösen Kontext, mit dem Fidus sich sonst kaum auseinandersetzte.

Relief Erbbegräbnis Erhardt
Grabrelief von Fidus (Bild: Andris Gobins).

Fidus hatte bis zum Zeitpunkt des Auftrags durch seine Illustrationen für Zeitschriften und mit seinem Buchschmuck Bekannheit erlangt, aber auch durch seine beiden Mappen Naturkinder und Tempeltänze sowie die grosse Monographie von Wilhelm Spohr, die alle 1902 erschienen waren. Zudem hatte er Exlibris gestaltet.

1903 hatte er für den Grappenhof ein grosses Glasbild entworfen, das aber weitgehend unbekannt geblieben ist, und erst 1904 hatte er in Zürich seine ersten grösseren Ölbilder gemalt. Ebenfalls 1904 entwarf er das Grabmal für die Familie Sick in Stuttgart.

Es ist anzunehmen, dass auch die Familie Erhardt durch seine Buchillustrationen und seine Exlibris auf Fidus aufmerksam geworden sein dürfte. So erwähnt Maria Erhardt in einem Brief an Fidus, dass sie schon seit langer Zeit die Mappe Naturkinder besitze und auch das Werk von Spohr.


Entwurf des Grabreliefs, 1906 (Galerie Bassenge).

Das Relief kann denn auch als eine in Stein umgesetzte Zeichnung verstanden werden. Dies bestätigt etwa ein Entwurf, der im November 2020 von der Berliner Galerie Bassenge versteigert wird.

Himmlische Enttäuschung


Grabrelief, aus: Fiduswerk.

Himmlische Enttäuschung.

Als eine erste formale Annäherung an das Motiv des Grabmals kann der 1904 in Zürich gezeichnete Rahmenschmuck für das Gedicht Himmlische Enttäuschung von Max Kretzer gesehen werden.

Doch nicht nur gestalterisch, sondern vielleicht auch Inhaltlich, sofern die Illustration von Fidus tatsächlich Kretzers Vorlage folgt, und den Engel zeigt, der den Toten oder seine Seele in "seine Himmelsheimat" führt, unterscheiden sich die beiden Motive doch wesentlich voneinander. So ist es in dem Gedicht "der Engel meiner Kindheit" als ebenso entrückt unwirkliche wie naive Figur, die nun, wie der Titel des Gedichts es vorwegnimmt, mit der Person in der ebenfalls unwirklichen Ich-Form nicht an einen Ort Erlösung, sondern des Grauens schwebt.

Himmlische Enttäuschung

Der Engel meiner Kindheit war erschienen
Ein altgelobtes Wort mir einzulösen:
Zu führen mich in seine Himmelsheimat,
Wo sonnig blaut der Dom in blauen Weiten
Und wo Erlösung herrscht von allen Uebeln.

Als wir durchschwebt die ew’ge Todesstille,
Wo Reinheit thront auf weichen Lüftenwogen,
Kam es wie Menschenstimmen angezogen,
Die jäh gebrochen in der Klangesfülle.
Und stärker schwoll es an: Wie Geisterreigen
Hört‘ ich die Stimmen auf und nieder steigen,
Bis in des Tongetaumels hohlem Branden
Sich jeder Menschensprache Laute fanden.
Und auf mein Fragen gab der Engel kund:
"Was Du hier hörst aus unsichtbarem Mund –
Das ist das Echo der Millionen Seufzer,
Die unaufhörlich von der Erde dringen,
Wo Leid und Schmerz des Himmels Trost erwarten;
Denn aller Sehnsucht geht zuerst nach oben.
Du hörst der Hoffnung Seufzer leis ertönen,
Hörst die Verweiflungsvollen trübe stöhnen,
Hörst Gram und Hunger schamvoll wiederklingen
Und hörst der Todgeweihten letztes Ringen.
Was dumpf vermurrt wie unterm Grabestuch,
Ist eines Mörders letzter Lebensfluch,
Und was verweht wie sanftes Dämmerhallen,
Ist eines Kindes letztes Sterbelallen.“

Und Grauen packte meine müde Seele,
Erdabwärts ging das Ziel nun meines Wunsches,
Was sonst hier unten wurde still beweint,
Sah ich im Himmelsdom schreckhaft vereint.

Engel oder Doppelseele

Der Inhalt des Gedichts Himmlische Enttäuschung dürfte kaum den Vorstellungen im Zusammenhang mit dem Auftrag eines Erbbegräbnis entsprochen haben. Es scheint, dass Fidus den Inhalt des Gedichts und damit seine Bedeutung gewissermassen "dreht", wie er es oft auch mit seinen Figuren gemacht hat. Daselbe oder ein ähnliches formales Motiv verwendet er für völlig verschiedene Inhalte.

Dabei fragt es sich, ob beim Erbbegräbnis überhaupt ein Engel gemeint ist, der den Toten oder die Seele in den Himmel führt. Anders interpretiert jedenfalls Arno Rentsch das Relief "in grauem nordischen Stein" in seiner Fidus-Monographie:

[...] über dem schlafenden Abgeschiedenen erhebt sich die Seele auf einem Kraftwirbel zur Höhe, zurückschauend auf das wie nach vollendeter Arbeit zufrieden ruhende Antlitz des Leibes.

Aus dem Engel mit männlichen oder androgynen Zügen ist eine weibliche Figur geworden, die, folgt man den Ausführungen von Rentsch, sich als eine Art "Doppelseele" von ihrem männlichen Gegenstück löst.

Anleihen bei William Blake

The Grave
William Blake, The Soul hovering over the Body.

Formal und inhaltlich scheint Fidus damit eine Bildidee von William Blake aufzunehmen. Dessen Illustration The Soul hovering over the Body reluctantly parting with Life war 1813 in der Veröffentlichung des Gedichts The Grave von Robert Blair erschienen.

Es bleibt allerdings die Frage, ob Fidus die Veröffentlichung oder zumindest das entsprechende Blatt von Blake bekannt war.

Die Auftraggeber


Abbildungen in Jahrbuch für bildende Kunst in den Ostseeprovinzen, 1910.

Die umfangreiche Korrespondenz von Maria Erhardt, deren Wunsch das Relief offenbar war, mit Fidus und Gertrud Prellwitz im Archiv der deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein enthält wenig Informationen in Bezug auf das Erbbegräbnis. Eine Karte von Eduard Kupffer, von dem der architektonische Entwurf der Anlage stammt, weist darauf hin, dass das Relief 1905 in Auftrag gegeben wurde. Es wurde darauf 1906 oder 1907 von Fidus begonnen, aber erst 1908 fertiggestellt. Die Anlage wurde von August Volz beziehungsweise seinem renommierten Unternehmen ausgeführt.

Anzeige A. Volz
Anzeige des Ateliers A. Volz, 1907.

Bei der Familie Erhardt handelte es sich um eine angesehen Familie in Riga. Die Korrespondenz mit Fidus führte Maria Erhardt, die Gattin von Jacob Erhardt, Kaufmann und Stadtrat von Riga. Auch ihr Sohn Robert Erhardt war Kaufmann und Politiker. Ihr Sohn Gustav wiederum war der Vater des bekannten Kabarettisten Heinz Erhardt, der 1909 in Riga zur Welt kam. Ein Brief im Archiv der deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein belegt, dass auch er Fidus um ein Exlibris bat, und zwar für seine Verlobte. Bereits 1907 schuf Fidus ein Exlibris für die Tochter Magda Kröber in Leipzig.

In der frühesten erhaltenen Korrespondenz im Archiv der Burg Ludwigstein mit Fidus, bittet Maria Erhardt um ein Exlibris für Roderich Baron Engelhardt (1862 bis 1934).

Rückseite der Grabanlage
Rückseite der Grabanlage (Bild: Andris Gobins).

Denkmal der Gefallenen

Denkmal Woltersdorf
Kriegedenkmal Woltersdorf (Bild: Gunnar Finder).

Mit dem Relief für das Denkmal der Gefallenen des Ersten Weltkriegs von Woltersdorf schuf Fidus zwei Jahrzente später nicht nur ein Werk in einem vergleichbaren Kontext, sondern versuchte auch die "philosophische" Bildidee des Erbbegräbnisses der Familie Erhardt zu einem Motiv mit Bezug zur Gegenwart und zur Politik weiterzuentwickeln. Offensichtlich wurde dabei das ursprüngliche Konzept geändert. So zeigt die Karte des Entwurfs ein Relief, dass an das Bild Totenklage erinnert und nur ansatzweise mit dem ausgeführten Relief zu tun hat, dessen Postkarte Fidus pathetisch mit Unsern Helden betitelte.11


Totenklage.

Unsern Helden.
  1. Vgl. zum Grossen Friedhof etwa den Eintrag Lielie kapi in der lettischen Wikipedia und den Beitrag Großer Friedhof in Riga/Great Cemetery in Riga von Eva Adamek. Zudem haben die Freunde des Grossen Friedhofs in Riga eine Facebook-Gruppe: Lielo kapu draugi.
  2. Ein weiteres Grabmal hatte Fidus bereits im Frühling 1904 für die Familie Sick in Stuttgart gestaltet. Sein Entwurf eine Jünglingsfigur wurde in Bronze gegossen und ist im Pragfriedhof aufgestellt.. Vgl. dazu Fidus in den Kleinen Lebenserrinnerungen zitiert in Janos Frecot, Johann Friedrich Geist, Dieter Kerbs, Fidus. 1868-1948. Zur ästhetischen Praxis bürgerlicher Fluchtbewegungen, München 1972, S. 112.
  3. Brief im Archiv der deutschen Jugendbewegung.
  4. Fidus. Auf der Suche nach dem Licht, Auktion 116, 28. November 2020, Berlin 2020, Los 8540, S. 48.Online
  5. Das Gedicht von Max Kretzer mit dem Rahmenschmuck von Fidus erschien in der Berliner Illustrierte Zeitung, Nr. 17, 24. April 1904, S. 267. Später erschien es als Separatdruck mit der Katalognummer 253 des Fidus-Verlags. Vgl. auch Erste Gesamtausstellung der Werke von Fidus zu seinem 60. Geburtstage am 8. Gilbhart (X.) 1928, Woltersdorf bei Erkner [1928], S. 35, Nr. 597. Im Laufe deselben Jahres veröffentlichte die Zeitung zudem von Fidus den Rahmenschmuck zum Gedicht Ungenossenes Glück von Jenny Schnabl (Nr. 28, 10. Juli 1904, S. 443), eine Zeichnung zum Gedicht Traum des Südens von Maurice von Stern (Nr. 48, 27. November 1904, S. 779) und die Illustration zum ersten Teil des Vorabdrucks von Kretzers Roman Mann ohne Gewissen (Nr. 50, 11. Dezember 1904, S. 823) sowie eine Vignette für dessen Vorankündigung (Nr. 47, 20. November 1904, S. 763).
  6. Arno Rentsch, Fiduswerk, Dresden 1925, S. 61-62, Abbildung auf S. 58. Online: Fiduswerk. Der Entwurf zum Grabrelief ist als Lichtdruck (L 83) und als Bromsilber-Postkarte (PB 83) erschienen.
  7. Der Katalog Erste Gesamtausstellung, 1928, datiert das als Nr. 527 aufgeführte "Grabmal der Familie Erhardt zu Riga, Gesamt-Entwurf" 1906, das als Nr. 528 aufgeführte "Grabrelief dazu, selbst gemeisselt" 1907. Eine Karte des Architekten Eduard Kupffer, datiert mit 19. Oktober 1905, im Archiv der deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein belegt, dass die Anfrage für das Relief aus dem Jahre 1905 stammen dürfte. Eduard Kupffer (Eduarda Kupfera, 1873 bis 1919) war Architekt und Möbelgestalter in Riga. 1906 wurde zu einem der Direktoren des Rigaer Kunstvereins gewählt (vgl. Rigaische Stadtblätter https://www.difmoe.eu/d/uuid/uuid:132b9cb3-db1d-4d3c-8613-54885a91d1aa). Zu seinen Werken gehört die 1907 erbaute Villa von Bulmering in Riga-Kaiserwald (Mežaparks) (Villa fon Bulmerinq bei Wikimapia). Zu seinen Veröffentlichungen gehören: Das Arbeiter-Wohnhaus auf der "Ausstellung für Arbeiter-Wohnungen u. Volksernährung", Riga 1907, zusammengestellt im Auftrage des Ausstellungs-Komité, und "Die Willenkolonie Kaiserwald bei Riga", in: *Jahrbuch für bildende Kunst in den Ostseeprovinzen*, 1908. S. 122-130, Online.
  8. Zu Volz etwa der Eintrag August Volz in der deutschsprachigen Wikipedia.
  9. Zu Jacob Erhardt beispielsweise der Eintrag Johann Jakob Erhardt
  10. Robert Erhardt im Baltischen Biographischen Lexikon digital (BBL digital).
  11. Ute Wermer und Klaus Witte, Hugo Höppener - Fidus. Exlibris und Illustrationen, Frederikshavn 1995. Nr. 43.

Vgl. dazu das Kapitel "Doppelmenschen" in Fidus-Serie, Zürich 2011, S. 65-70. ↑ Zurück

Vgl dazu den Beitrag Das (eigentlich geplante) Woltersdorfer Denkmal von Gunnar Finder. ↑ Zurück

Gerald Ramm (Hrsg.), Woltersdorf. Ein Ort im "Dritten Reich", Chronik der Jahre im Nationalsozialismus, Woltersdorf 2016.S. 60-61.

Bilder: Anzeige A. Volz aus Jahrbuch für bildende Kunst in den Ostseeprovinzen, 1907, S. 17, Online. Jahrbuch für bildende Kunst in den Ostseeprovinzen, hrsg. vom Architekten-Verein in Riga, 4. Jahrg., 1910, S. 113 mit zwei Abbildungen. Online: Jahrbuch für bildende Kunst in den Ostseeprovinzen und Jahrbuch für bildende Kunst in den Ostseeprovinzen. Scans der Postkarten Totenklage und Unsern Helden: Gunnar Finder.

Letzte Änderung: 13. November 2020.