Auch wenn es Alfred Giesecke nicht gefallen mag, so gilt gerade auch für das Innere des Tempels der Erde von Fidus, was er Rudolf Steiners Goetheanum zuschreibt, nämlich, dass er scheint, "von okkultischem Geiste gestaltet zu werden" (vgl. "Von okkultischem Geiste gestaltet"), erinnert dessen Läuterungsweg doch an den märchenhaften Parcours der Zauberflöte. Abgesehen davon, dass es sich beim Goetheanum um ein Versammlungsgebäude handelt und eben nicht um einen Tempel, wie Fidus ihn plante.

Bemerkenswert ist, dass das zentrale Element des Tempels ausgespart geblieben ist. Einen Herr der Erde gibt es nicht. Und somit bleibt völlig unklar, wen oder was er verkörpert. Giesecke bemerkt dazu: "Das Bildnis dieses Erdgeistes im Goetheschen Sinne hat Fidus wohl mal in einem Relief angedeutet, aber das hier ragende zu gestalten, fand er die Muße und den Trieb noch nicht."

Nicht nur mit dem Bezug zu Goethe ergibt sich ein Berührungspunkt zu Steiner, sondern auch mit dem Begriff des Herrn der Erde. Dieser ist bei Steiner ähnlich wie bei Fidus unfassbares Zentrum einer "geistigen" Vorstellung. So führte Steiner in einem Vortrag zu einer Reihe mit dem Titel Christus und die geistige Welt und dem Untertitel Von der Suche nach dem heiligen Gral 1914 aus:

Nicht gerne hat der wirklich Kundige des althebräischen Altertums hinaufgeschaut zu den Sternen, wenn er das Geistige geoffenbart haben wollte. Er hat sich an den Jahvegott gehalten, der zur Erdenentwickelung, zur Erdenevolution gehört und nur um diese zu befördern, ein Mondgott geworden ist, so dass er - wie ich das in der «Geheimwissenschaft» dargestellt habe - diese Funktion des Mondgottes übernommen hat. In den Mondfesten der Juden ist deutlich ausgedrückt, dass der "Herr der Erde" in seinem Abglanz symbolisch vom Mond herab erscheint. Aber gehe ja nicht weiter - so war die Stimmung des Althebräertums dem Schüler gegenüber - gehe ja nicht weiter! Begnüge dich mit dem, was Jahve in seinem Mondsymbolum offenbart, gehe ja nicht weiter, denn es ist nicht die Zeit da, um etwas anderes, als was durch das Mondsymbolum zum Ausdruck kommt, aus den Elementen aufzunehmen.
  1. Albert Giesecke, "Fidus' Tempelkunst", in: Die Schönheit, 16. Jahrg., "Fidus-Heft", 1919/20, S. 46.
  2. Rudolf Steiner, Christus und die geistige Welt. Von der Suche nach dem heiligen Gral.

Letzte Änderung: 16. Oktober 2020.


Grundriss des Tempels der Erde.

Albert Giesecke beschreibt auch das Innere des Tempels der Erde, soweit es sich aus dem Grundriss ergibt. Dieser war bereits in Wilhelm Spohrs Fidus-Werk enthalten und wurde, wie die Fassade auch, für das "Fidus-Heft" der Schönheit übernommen. Giesecke führt aus:

Im Innern liegt ein Hof mit Umgang und einem Wasserbecken, aus dem das Bild des "Herrn der Erde" aufragt. Zu diesem Kultbild gelangt man aber erst, nachdem man eine Reihe Säle und Hallen durchschritten hat, die den Lichthof umgeben, und diese Säle und Hallen stellen eine Art hohe Schulung der Bildung, der Heiligung und Reinigung dar, in denen die Seele erzogen werden soll, um das Kultbild mit reinen Sinnen zu schauen, und zwar wird diese Reinigung der Seele nicht allein durch Anschauen von Bilderwerken erzielt, sondern mehr noch durch die Stimmung, in die der Wandelnde durch die Farbe der Beleuchtung der einzelnen Räume versetzt wird. Nun durchwandeln aber die beiden Geschlechter ihren Entwicklungsgang auf getrennten Wegen und demgemäß auch hier sinnbildlich: in der Vorhalle sind ihnen das männliche und das weibliche Idealbild Wegweiser, die Farbabfolge der Räume ist zugleich Symbol für den Charakter der Geschlechter, die männliche Farbfolge geht von Schwefelgelb zu Gelbgrün — den Saal des Ehrgeizes — von da über Grün — die Halle des Willens — und Blaugrün — den Saal der Liebe zu Blau, der Halle der Ergebung, in der sich die beiden Geschlechter wieder sinnbildlich vereinigen, während indessen das Weib, dessen Grundfarbe Goldgelb ist, durch den Saal der Lust — in Goldrot — die Halle der Gefühle — in Rot — und den Saal der Sehnsucht in BIaurot gewandelt ist. Hier sehen sie einerseits die "Verrammelte Schwelle", mit der Kune der Tat darüber, über die nur Mysten und nicht die Adepten, um mich der altertümlichen Worte zu bedienen, durch die Kammer des Schweigens in das Allerheiligste treten dürfen, und andererseits die offene Tür, die zu dem bereits genannten Bilde des Herrn der Erde im Licht-Hofe des Tempels führt."

Begeistert urteilt Giesecke: "Wie erhaben und großartig ist dieser Tempelgedanke und wie fein ersonnen das Einzelne!"

  1. Albert Giesecke, "Fidus' Tempelkunst", in: Die Schönheit, 16. Jahrg., "Fidus-Heft", 1919/20, S. 44-46.
  2. Ebda., S. 46.