Deutscher Sieg.

Ferdinand Hodler, Wilhelm Tell.

Das Motiv der erhobenen rechten Hand, eine Waffe in der linken, wie die Mittelfigur der Zeichnung Deutscher Sieg erinnert unweigerlich an einen anderen Nationalhelden: Wilhelm Tell, wie Ferdinand Hodler ihn 1897 gemalt hat. Es ist, als ob Fidus das deutsche Gegenstück dazu hätte schaffen wollen. Zeigt Tell als Waffe die Armbrust, die zum Markenzeichen für Schweizer Qualität geworden ist, ist es bei Fidus das Schwert, eine Waffe, für dessen Qualität Deutschland bekannt ist.


Plakat Olympiade 1924.

Dabei kann die Geste auch als zeitloser "Archetypus" verstanden werden. Nicht auf Hodler und Fidus beruft sich der olympische Gruss, der bei der Olympiade 1924 in Paris erstmals gezeigt wurde und das Motiv eines Plakats von Jean Droit für die Veranstaltung ist. Dieses demonstriert, dass die Gruppe von Männern, die Fidus als "deutsch" charakterisieren wollte, auch den olympischen Gedanken des friedlichen Wettkampfs der Nationen ausdrücken kann, jedenfalls nicht ausschliesslich als "deutsch" gilt.

  1. Vgl. dazu den Artikel Saluto romano in der deutschsprachigen Wikipedia.

Bilder: "Wilhelm Tell", Wikimedia. - Plakat Olympiade 1924, Deutsches Sport & Olympia Museum, Köln.


Fidus hat das Motiv der Schwertwache wiederholt aufgenommen. Dabei hat er es mit politischer Bedeutung aufgeladen und aus dem vergleichsweise unverfänglichen Sinnbild, das die Illustration für die Gedichsammlung Hohe Lieder von Franz Evers darstellt, zu völkischer Propaganda gemacht (vgl. Vom Buchumschlag zur Tempelfassade).

Eine Variation enthält das erwähnte "Fidus-Heft" der Zeitschrift Schönheit. Sie folgt gleich nach der Titelseite im Heft, also mit vergleichbarer programmatischer Bedeutung wie der Druck und die Postkarte Schwertwache, die als Nr. 1 erschienenen sind. Datiert ist die Zeichnung mit Hartung, dem alten deutsche Monatsnamen für Januar, 19. Es handelt sich also eine zum Zeitpunkt des Erscheinens aktuelle Arbeit, die fast ein Vierteljahrhundert nach dem ersten Entwurf entstanden ist.

In den Verzeichnissen des Verlags des St. Georgs-Bundes beziehungsweise Fidus-Verlags werden der Druck und die Postkarte der Variation unter dem Titel Deutscher Sieg aufgeführt. Im 1940 erschienen Verzeichnis zudem der Gruppe der "Kriegsblätter" zugeordnet. Im "Fidus-Heft" fehlt ein Titel, der unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg unpassend zu sein schien. Dafür ist ihr ein Fidus-Zitat beigegeben:

Aufsteigende Völker, wenn man ihnen schon, wie dem deutschen, eine religöse Politik zumuten darf, brauchen aber eben so sehr eine politische, d. h. völkische Religion.

Die Wache haltenden Schwertträger, die sich wie alle Figuren der Darstellung nackt und damit ungeschützt präsentieren, sind aktiv geworden. Auch wenn ihre Schwerter, deren Spitzen nach unten zeigen und somit nicht als Waffen gebraucht werden, und diese auch als Kreuze gesehen werden können.

Die Männer werden frontal gezeigt wie diejenigen der Leiste der Germanen-Bibel, die ebenfalls 1919 entstande ist (vgl. "Eine Reihe Genien beiderseits"). Gleichzeitig scheinen sie der Konfrontation, die mit der Frontalität einhergeht, auszuweichen: Den Blick haben sie nicht auf das Geschehen vor ihnen, sondern, der "Wirklichkeit" entrückt, in die Höhe gerichtet.

Sind die Schwertträger der Leiste für die Germanen-Bibel gleichwertig nebeneinander gestellt, scharen sie sich nun um einen "Führer" in der Mittelachse des Bildes. In der einen Hand hält auch er ein Schwert, wenn auch ein kürzeres als die hinter ihm stehenden Männer. Die andere Hand ist zum Gruss erhoben oder um Einhalt zu gebieten. Sein Haupt ist von wellenförmigen Linien umgeben, die eine Art Heiligenschein bilden. Ein abstraktes Ornament über seinem Kopf wiederum erinnert unweigerlich an die den Heiligen Geist symbolisierende Taube auf Bildern in christlichem Kontext.

Sind die Formen und Symbole mehrdeutig, sind die Posen und Gesten der Figuren theatralisch überzeichnet, wie überhaupt das ganze Szenario, das auf engstem Raum stattfindet, insbesondere durch die Darstellung gewissermassen "idealer" Nacktheit unwirklich wirkt.

Gemessen am konkreten politischen Anspruch scheint die gezeichnete Szene als Ganzes jedoch so vereinfachend naiv, als wäre sie einem Bilderbuch entlehnt: Zwei bärtige Gesellen mit wilden Haaren, die links und rechts die Darstellung flankieren, buchstäblich "Randfiguren", bedrängen zwei Frauen. Einer von ihnen hat die Frau zu seinen Füssen an den Haaren gepackt. Der andere hat die gekreuzten Arme, die Hände zu Fäusten geballt, vielleicht um sich zu schützen, auf die Brust gelegt. Beide Köpfe sind im Profil wiedergegeben, die gekrümmte Nase der rechten Figur soll wie auf anderen Darstellungen von Fidus wohle auch diese als Juden kennzeichnen. Die zwei, wahrscheinlich blonden Frauen wiederum sitzen im Vordergrund auf dem Boden, so auch formal "erniedrigt". Beide wenden sich dem "Befreier" zu, bleiben dadurch aber "gesichtslos". Dabei scheint eine von ihnen nicht nur die Hand nach ihm auszustrecken, sondern mit dieser Geste auch direkt nach seinem Schwert greifen zu wollen.

  1. Die Schönheit, 16. Jahrg., "Fidus-Heft", 1919/20, S. 2. Online
  2. Druck und Postkarte sind als Nr. 106 erschienen. Bebildertes Verzeichnis, Verlag des St. Georgs-Bundes, Woltersdorf bei Erkner-Berlin 1927, S. 71 (Online).
  3. Vgl. den Vortrag "Schwert und Kreuz. Die Waffe als Objekt und Symbol im frühen Mittelalter" von Daniel Föller innerhalb des Rahmenprogramms zur Ausstellung Unter Waffen. Fire & Forget 2 2017 im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt.
  4. Vgl. zum Begriff den Eintrag Ideale Nacktheit in der deutschsprachigen Wikipedia.
  5. Die gekreuzten Arme sind sowohl als Demutsgeste bei Marien-Darstellungen bekannt wie aber auch von ägyptischen Sarkophagen und Mumien. Vgl. dazu im Blog Zombiewood Productions den Eintrag Die gekreuzten Arme – Machtsymbol der Pharaonen sowie die ihm folgenden.

Letzte Änderung: 15. November 2020.