Des Ostens deutscher Friede, 1918.

Ein weiteres Blatt mit einem Schwertwächter ist Des Ostens deutscher Friede, das Fidus 1918 zeichnete. Der riesige Schwertwächer mit den Zügen der Figur, die Fidus als Michael bezeichnet, steht hinter einem Altar mit der Inschrift "Selbstbestimmung". Das Schwert ist von Eichenlaub umwunden, die Schnalle seines Umhangs, in der Verlängerung der Achse des Schwerts wie seine Bekrönung, mit einem Adler verziert.

Links und rechts von ihm verschiedene Figuren, die durch ihre Kopfbedeckungen als Vertreter von Staaten im Osten gekennzeichnet werden, mit Ausnahme des Manns am linken Bildrand, der alle überragt, mit preussischem Adlerhelm und Swastika auf dem Gürtel. Wie bei den anderen Männer, jedenfalls denjenigen, bei denen es zu sehen ist, hat er die Faust auf die Brust gelegt, eine gängige Geste, um einen Schwur zu beschwören.

Das Deutschen Reich ist somit gleich zweimal vertreten.


Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk, ca. Januar/Februar 1918.

Die Zeichnung war die künstlerische verdichtete, völkisch-folkloristische Sicht von Fidus des Vertrags von Brest-Litowsk, der im März 1918 zwischen dem Deutschen Kaiserreich, Österreich-Ungarn, Bulgarien und dem Osmanischen Reich einerseits und Russland andererseits unterzeichnet wurde und als von Deutschland diktierter Friede gilt und auch als Schand- oder Gewaltfrieden bezeichnet wird. Janos Frecot, Johann Friedrich Geist und Diethart Kerbs stellen in ihrem Fidus-Buch dieser Auslegung diejenige von Heinrich Vogeler gegenüber. Dieser nannte den Friedensschluss ein "elendes Machwerk" und schrieb:

Da kam der Frieden von Brest-Litowsk, und nackt in seiner ganzen Brutalität stand Stil und Weg einer beutehungrigen Liga von Kapitalisten und Militaristen vor den Augen der ganzen kriegsverhetzten arbeitenden Welt.
  1. Vgl. den Eintrag Friedensvertrag von Brest-Litowsk in der deutschsprachigen Wikipedia sowie die virtuelle Ausstellung Frieden von Brest-Litowsk mit ausgewählten Dokumenten und Fotos des Bundesarchivs zur Unterzeichnung des Friedensvertrags von Brest-Litowsk am 3. März 1918.
  2. Janos Frecot, Johann Friedrich Geist, Diethart Kerbs, Fidus. 1868-1948. Zur ästhetischen Praxis bürgerlicher Fluchtbewegungen, Hamburg 1997, S. 11.
  3. Heinrich Vogeler, "Die Frau in der kommunistischen Gesellschaftsordnung", in: Der Leib, 1. Jahrg., 1920, Heft 2, S. 69. Zitiert nach Frecot, Geist, Kerbs.

Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk: Bundesarchiv, Bild 183-F0328-0202-009 / o. Ang.

Letzte Änderung: 27. November 2020.


Warnender Michael.

Fidus war sich der Mehrdeutigkeit der Geste der Mittelfigur des Blatts Deutscher Sieg wohl bewusst (vgl. "Deutscher Sieg").

Eine weitere Variation der Schwertwache, mit 1915 datiert ist, ist als Titelblatt im Buch Michael erschienen. Dieses ist 1916 in einer ersten und 1918 in der zweiten Auflage herausgekommen. Michael hat hier beide Arme erhoben. Beschrieben wird das Motiv im Buch als "Michael vor den Heerscharen, friedesegnend". Die Zeichnung des Motivs, die diesen November vom Berliner Auktionshaus Bassenge versteigert wird, trägt dagegen den von Fidus auf dem Karton, auf dem sie aufgezogen ist, handschriftlichen Titel Warnender Michael. Wahrscheinlich 1927 ist das Blatt, leicht koloriert, auch als Postkarte Nr. 72 erschienen. Diese hat den Titel Warnender Michael.

In Betracht gezogen muss allerdings, dass die Beschreibung im Buch Michael nicht von Fidus stammt. Umgekehrt aber auch, dass er den Karton mit der Zeichnung nachträglich beschriftet hat.

  1. Hermann Reich (Hrsg.), Das Buch Michael mit Kriegsaufsätzen, Tagebuchblättern, Gedichten, Zeichnungen aus Deutschlands Schulen, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1916.
  2. Fidus. Auf der Suche nach dem Licht, Auktion 116, 28. November 2020, Berlin 2020, Los 8540, S. 48. Online
  3. Bebildertes Verzeichnis, Verlag des St. Georgs-Bundes, Woltersdorf bei Erkner-Berlin 1927, S. 50. Zur Karte wird vermerkt, sie erscheine 1927. Online